Petri-Geschichten
Bei Erika Vogel soll der Spaß bei der Arbeit nicht zu kurz kommen
Erika Vogel brennt für ihren Beruf
„Ooh-ha!“ Das war der erste Gedanke von Erika Vogel, als ihre Betriebsleiterin sie fragte, ob sie mit ihrem sechsköpfigen Team und den 18 Klient*innen nicht auch das Café mit Turmaufstieg in St. Petri übernehmen könnte. Doch der erste Schreck war schnell überwunden, als die Bereichsleitung meinte, das wäre doch ein superschönes Projekt für die Klient*innen, so mittendrin in der Öffentlichkeit zu stehen und ganz nah am ersten Arbeitsmarkt Inklusion zu erleben. Auch die Klient*innen waren alle gleich Feuer und Flamme. Da habe sie die Herausforderung angenommen.
Bereits seit 2014 betreiben Erika Vogel und ihre Mitarbeiter*innen im Rahmen der sogenannten Tagesförderung den Treffpunkt Münzviertel der alsterdorf assistenz ost gemeinnützige GmbH. Und seit Mitte Januar sorgen sie nun – unterstützt durch Mitarbeiter*innen aus dem ehemaligen Petri-Shop-Team in den Nachmittagsschichten – auch für die tägliche Öffnung von Café und Turmaufstieg in St. Petri. „In den kommenden Monaten wird sich das alles gut einpendeln“, ist die Assistenzteamleiterin überzeugt.
Irgendjemand hätte mal gesagt, sie wäre ehrgeizig. Aber um Ehre und auch um Erfolg ginge es ihr nicht. Sie achte eher darauf, dass auch der Spaß bei der Arbeit nicht zu kurz kommt, dass sie etwas bewegen könne und andere anstecken. Wenn die Klient*innen bei der Jahresendfeier dastehen und sagen, dass sie gerne im Projekt arbeiten, und erzählen, was sie gelernt haben, ist die 62-jährige zufrieden.
Gelernt hat Erika Vogel Einzelhandelskaufrau, hat jung ihre drei Kinder bekommen, viele Jahre als Quereinsteigerin in der Altenpflege gearbeitet und in der Eingliederungshilfe in einem Wohnhaus Menschen bei ihren täglichen Bedarfen unterstützt.
Erst mit 47 Jahren hat sie berufsbegleitend ihre Ausbildung als Heilerziehungpflegerin begonnen. „Ich brenne für diesen Beruf“, sagt Erika Vogel. Es erfülle sie einfach, Menschen, die Unterstützungsbedarf haben, auf ihrem Weg zu begleiten, so selbständig wie möglich zu leben, eine eigene Meinung zu haben und diese äußern zu dürfen. „Du kannst doch nicht allen Menschen helfen“, bemerken ihre Kinder manchmal, wenn sie wieder einmal ja gesagt hat, statt einfach frei zu machen. „Aber denjenigen, die an meine Türe klopfen schon“, antwortet Erika Vogel. Sie fühle sich nicht zu kurz gekommen in ihrem Leben. Hat Herausforderungen einfach angenommen. Zum Beispiel als ihre damalige Assistenzteamleiterin vor 14 Jahren erkrankte und die Vorgesetzte sie fragte, ob nicht sie die Leitung übernehmen wolle. „Ich habe mir das nicht ausgesucht, wollte damals eher Indianerin sein als Häuptling. Doch ich habe den Laden geschmissen mit Einsatz, Gradlinigkeit und Durchhaltevermögen. Es war schon stressig. Ein dreiviertel Jahr habe ich gebraucht, um die neue Aufgabe hineinzuwachsen.“
Heute mache ihr die vielseitige Arbeit riesigen Spaß und sie lernt immer noch gerne dazu. Nur wenn mal wieder Computer und Netzwerke eingerichtet werden müssen, das gibt sie gerne an ihre jungen Kolleg*innen ab. In ihrer Freizeit reist Erika Vogel gerne – auch immer wieder zusammen mit ihren Kindern – oder besucht Freunde in Berlin, Waren an der Müritz, Gelsenkirchen …. Und im Sommer hat sie ihren Garten.
Alte Kirche – alte Rosen – Ulf Eggers mittendrin
Ulf Eggers zaubert mit Rosen
Eingeweiht war zunächst nur der Küster. Der schmucklose Rasen an der Südseite der Kirche hatte bei Ulf Eggers die Lust geweckt, einen Rosenstrauch auf die Wiese vor der Ansgarkapelle zu setzen. Schon 25 Jahre hatte der Hobbygärtner Rosen in seinem großen Garten in Rellingen versammelt, vor allem Ableger alter Sorten – die duften so gut. Inzwischen sind es 300 Sorten. Nun wollte Eggers das Experiment wagen und Ableger an der Südseite von St. Petri pflanzen. „Ich bin selber überrascht, wie prächtig die Rosen hier gedeihen trotz Wind und der prallen Sommersonnenhitze“, freut sich der promovierte Germanist, der die Liebe zur Rose schon als Junge bei seiner Oma im Garten entdeckt hat. Rund 75 Sträucher sind es inzwischen, die St. Petri im Sommer verzaubern.
Zu St. Petri ist der Rellinger nach seiner Pensionierung gekommen. Bei den wöchentlichen Hamburg-Ausflügen zusammen mit seiner Frau war die Einkehr in St. Petri ein „Muss“. „Kirchen haben eine besondere Ausstrahlung – vor allem alte Kirchen. In St. Petri haben wir einen Ort der Ruhe gefunden, Kerzen angezündet, im Café Tee getrunken, die netten Mitarbeiter kennengelernt, Gottesdienste und Konzerte besucht, eine Baltikum-Reise mitgemacht: So ist St. Petri unsere zweite kirchliche Heimat geworden.“ In diesem Sommer kommt Eggers vor allem Sonntagsabends nach dem Abendbrot, um zu wässern und zu beschneiden.
„Die Pflege der Rosen hat für mich etwas tief berührendes und auch tröstendes, wie sonst nur die Musik“,erzählt Eggers. Seit vielen Jahren singt das frühere Lehrerehepaar in der Rellinger Kantorei und freut sich, dass wieder gemeinsam geprobt werden kann.
Barbara Kruse hat viele Lieblingsorte in St. Petri – hier die Barbara-Kapelle
Barbara Kruse hat viele Ideen
Die Lebendigkeit von Barbara Kruse steckt an. „Ich habe häufig Ideen“, sagt die 54-jährige. Dabei kommt es ihr nicht darauf an, dass all ihre Ideen umgesetzt werden. Es wären ohnehin viel zu viele. „Wichtig ist, dass man in einem super Team zusammenarbeitet, in dem jeder seine Fertigkeiten einbringen kann.“ Beim Hamburger Bachchor, wo Barbara Kruse seit ihrem 20sten Lebensjahr im Alt singt, hat sie so ein Team gefunden. Neben den Konzerten und Gottesdiensten haben die Chormitglieder schon viele Fundraisingprojekte auf die Beine gestellt. So die Herstellung und den Verkauf der Chorbären mit Hemdchen und weißem Kragen für die Anschaffung des Zimbelsterns und auch der Taschen aus den alten Planen, die an der Kirche für Konzerte werben. Und aktuell wieder den Notenflohmarkt während der Nacht der Chöre.
„Mir ist Liturgie wichtig und auch das Wort Gottes – beides gibt mir viel“, betont die gebürtige Hamburgerin. „Aber Kirche muss vor allem nahbar sein – ein lebendiger Ort für jeden sein“, so ihre Überzeugung. Eine Willkommenskultur sei dafür wichtig, die auch diejenigen einlädt und begrüßt, die vorher vielleicht noch nie in einer Kirche waren, und ihnen die Scheu nimmt. An der Abendkasse, die sie seit vielen Jahren für den Hamburger Bachchor organisiert, hatte Barbara Kruse schon häufig Gelegenheit, bei Besuchern die Hemmschwelle vor dem Kirchraum zu senken.
So passt für sie auch ein Projekt wie der Herzrettertag, bei dem u. a. die Hunde der DRK-Suchhundestaffel ihr Können auch im Innenraum von St. Petri demonstrieren, hervorragend zu Kirche. Barbara Kruse koordiniert das Programm gemeinsam mit einem Team aus den drei Innenstadt-Hauptkirchen und ist begeistert über die Zusam-
menarbeit und was sich da alles entwickelt. Außer dem Herzretter-Verein, der altersgerechte Kurse zum richtigen Verhalten bei Herzstillstand anbieten wird, sind die DRK-Suchhundstaffel, das THW und vielen anderen aktiv mit dabei. „Das wird ein Kessel Buntes“, freut sich Barbara Kruse, die hofft, dass viele teilnehmen und ein Stück weit ihre Angst vor Erste-Hilfe-Situationen verlieren.
Barbara Kruse persönlich ist ein großer England-Fan. Seit 30 Jahren fährt sie jeden Dezember mit ihrer Mutter zu John Rutter nach London. Bei diesen Besuchen guckt sie immer nach neuen Plätzen und hat London rundum lieben gelernt. Die England-Affinität von Petrikantor Thomas Dahl kommt ihr da sehr entgegen und Barbara Kruse freut sich schon sehr auf die Chorreise mit Auftritt u. a. in Canterbury im kommenden Jahr. Sie ist schon heute gespannt, was es dann wieder zu entdecken gibt.
Christa Siegmund freut sich auf die Ausflüge „in die Stadt“ und die gute Stimmung beim donnerstäglichen Mittagessen
Christa Siegmund hilft gerne
Den ganzen Tag nur zu Hause zu sitzen, das ist nichts für Christa Siegmund. Deshalb hat die Rentnerin sich gefreut, als Hauptpastor Kruse sie gefragt hatte, ob sie nicht mithelfen wolle beim donnerstäglichen Mittagessen in der Kirche. „Ich mag es, für ein paar Stunden nach Hamburg reinzukommen mit einem festen Ziel, wo ich mich nützlich machen kann“, sagt die Neuwiedentalerin. „Und ich mag es, mich kurz mit den Leuten zu unterhalten, die zum Mittagessen kommen. Die Stimmung untereinander ist gut.“
Hauptpastor Kruse kennt Christa Siegmund aus ihrer Zeit als Ansprechpartnerin für die Bedürftigen in der Stiftung Mensch in Not. „Wir haben etliche Schichten gemeinsam bestritten und uns schätzen gelernt.“ So herausfordernd wie die ehrenamtliche Stiftungstätigkeit ist die neue Aufgabe nicht. Dort ging es darum, Hilfesuchenden in einer vorübergehenden finanziellen Notlage ggf. mit einer einmaligen Finanzspritze über den Engpass hinwegzuhelfen. Da brauchte es viel Fingerspitzengefühl, die Bedürftigkeit einzuschätzen. Doch hier wie dort ist ihre offene Art gefragt. Christa Siegmund hat keine Scheu, geht auf jeden Menschen zu, interessiert sich und kann ihre Meinung sagen.
Bevor sie zur Stiftung kam, war die Mutter von drei Söhnen und Großmutter von zwei Enkeln eine Amtsperiode lang Schöffin am Strafgericht in Hamburg. Das waren spannende vier Jahre mit vielen neuen Einblicken in menschliche Beweggründe.
Dabei war ihr Leben auch davor nicht langweilig gewesen. Sie sei ein echtes Kriegskind mit sehr kurzer schulischer Laufbahn, der damals für Mädchen üblichen Haushaltungsschule und einer Lehre im Einzelhandel. Um am Wochenende Zeit mit ihrem damaligen Mann zu haben, hätte sie die Stelle im Einzelhandel aufgegeben. 27 Jahre wäre sie dann bei der AOK gewesen, danach neun Jahre bei einem Pflegedienst. In ihrer Familie hat sie erst in den letzten Jahren gelernt, auch mal nein zu sagen und sich und ihre Pläne an die erste Stelle zu setzen. „Wenn es mir gut geht, dann kann es auch anderen gut gehen“, so ihre Erfahrung.
Nun freut Christa Siegmund sich auf die kurzen Ausflüge nach St. Petri. Bei den ersten Einsätzen war der beeindruckende Kirchraum ihr fast ein bisschen zu imposant vorgekommen. Doch mit der Kelle in der Hand bei der Essensausgabe und angesteckt durch die Lebendigkeit der Besucherinnen und Besucher, denen das gemeinsame Mittagessen schmeckt, hat sie ihr anfängliches Fremdeln schnell überwunden. Zufrieden fährt sie nach getaner Arbeit dann wieder nach Hause und freut sich auf ihren Mann.
St. Petri ist eine Tankstelle für die Seele – im Kirchengemeinderat wollte Petra Fischer etwas zurückgeben
Petra Fischer: „Liebe auf den ersten Blick!“
Petra Fischer – allein schon der Name hätte sie doppelt für diese Hauptkirche prädestiniert. Aber es war die Musik, die sie hierher geführt hat. „Wenn der Gesang ins Petri-Gewölbe hineinklingt, geht mir das Herz auf“, schwärmt sie. Seit 23 Jahren singt sie im Bachchor. „Damals habe ich eine Möglichkeit zum Singen gesucht und bin durch mehrere Kirchen gereist. In die Hauptkirche St. Petri habe ich mich dann verliebt.“ Die besondere Probenarbeit von Kantor Thomas Dahl und die anderen Menschen hätten sie damals sofort überzeugt. „Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick“, lacht die sympathische 52jährige. „Bis heute gehe ich jedes Mal ganz beseelt aus den Konzerten und Gottesdiensten“, schwärmt Fischer. „Wenn der Chor zu einer Einheit verschmilzt, hat das ja auch etwas Mystisches. Dann ist diese Musik wie Meditation.“
St. Petri ist für sie eine „Tankstelle für die Seele“. Fischer schätzt besonders, dass es mit dieser Kirche einen Ort der Stille mitten im hektischen Großstadtgewimmel gibt. Hauptberuflich entwickelt die Architektin altersgerechte Wohnquartiere. Eine Legislaturperiode hat sie sich auch im Kirchengemeinderat engagiert. „Ich habe hier so viele schöne Erlebnisse gehabt. Meine Kinder sind jetzt größer geworden, ich habe dadurch mehr Zeit und möchte etwas zurückgeben.“